Impuls für die 4. Adventswoche
Herbergssuche im Jubeljahr

Die vierte Woche des Advents geht heuer schnell in das Weihnachtsfest über. Am Mittwoch ist schon der Heilige Abend, an dem in Krippenspielen gerne die Herbergssuche nachempfunden wird. Maria und Josef befinden sich im fremden Bethlehem und suchen eine Bleibe. Damit teilen sie die Sorge vieler Migranten. Die Notlage von Maria, Josef und dem neugeborenen Jesuskind erhält zusätzliche Brisanz in diesem Jubeljahr, dessen Verkündigungsbulle „Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen“ noch von Papst Franziskus geschrieben wurde. Darin erinnert der Papst an die biblischen Grundlagen des Jubeljahres im Buch Levitikus. »Erklärt dieses fünfzigste Jahr für heilig und ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus« ( Lev 25,10), zitiert er in Abschnitt 10 der Bulle.
Die biblische Gesetzgebung greift einen noch Jahrtausende älteren Brauch des Zweistromlandes auf. Während der III. Dynastie von Ur (2111-2003 v. Chr.) beutete man in der Privatwirtschaft Sklaven aus, die in der Regel auf Grund eines Deliktes in den Status von Sklaven versetzt wurden oder als Schuldsklaven Dienste verrichteten. Bei den Schuldsklaven handelte es sich häufig um die Kinder der Schuldner, die aus wirtschaftlicher Not von ihren Eltern weggegeben wurden. Die Kommerzialisierung von Kindern zeigt sich darin, dass sie als Sicherheit für Kredite verpfändet, wegen nicht zurückbezahlter Kredite beschlagnahmt oder bei Nichterfüllung bestimmter Auflagen von Familienmitgliedern im Rahmen ihrer Verwaltungsaufgaben in Arbeitsdienst genommen, sowie wegen Verbrechen, die Familienmitglieder begangen hatten, beschlagnahmt oder verkauft wurden.
Der die Freilassung von Sklaven bezeichnende sumerische Ausdruck ama-ar-gi4 gar „Freilassung setzen, freilassen“ ist bereits bei Entemena von Lagas (um 2430 v. Chr.) belegt. Er setzt sich aus dem Hauptwort ama „Mutter“ mit dem Dativmarker ar und dem Tätigkeitswort gi4 „zurückkehren, wiederherstellen, zurückgeben“ (die kleine vier unter gi gibt an: es ist das 4. der Schriftzeichen, die man gi ausgesprochen hat) zusammen und bedeutet wörtlich „zur Mutter zurückkehren“. Die früheste bekannte Verwendung findet sich in einem Dekret von Enmetena, in dem „das Kind zu seiner Mutter und die Mutter zu ihrem Kind“ zurückgegeben werden soll. Später wird es mit dem akkadischen Wort andurāru(m) übersetzt, was „Freiheit“ und „Befreiung von (Schuld-)Sklaverei“ bedeutet. Dieser semitische Begriff spiegelt sich im hebräischen Fremdwort dǝrôr wider, der in Lev 25,10 steht (die Vorsilbe an- ist weggefallen).
Das Zurückkehren des in der Fremde versklavten Kindes zur Mutter als Ursprung des Jubeljahres lädt zum Nachdenken ein, über das Jesuskind, in dem Gottes Wort Fleisch angenommen hat, „um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt 10,45). Es erinnert auch an „die Gefangenen, die bei Entzug ihrer Freiheit, jeden Tag neben der Härte der Haft auch die emotionale Leere, die auferlegten Einschränkungen und in nicht wenigen Fällen einen Mangel an Respekt erleben“, wie der Papst in seiner Bulle schreibt.
„Es darf nicht an Zeichen der Hoffnung für Migranten fehlen, die ihr Land auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und ihre Familien verlassen. (…) Die christliche Gemeinschaft möge stets bereit sein, das Recht der Schwächsten zu verteidigen. Sie soll die Türen der Gastfreundschaft weit öffnen, damit niemandem die Hoffnung auf ein besseres Leben verloren geht.“ (…) (Abschnitt 13).
Vielleicht finden Sie in der vierten Adventswoche Zeit, die Bulle zum Aufruf des Jubeljahres selbst zu lesen und zu bedenken.
Pater Hans Ulrich Steymans OP, Studentenmagister der Dominikanerprovinz des Hl. Albert in Deutschland und Österreich
Hier können Sie die Verkündigungsbulle „Spes non confundit“ aufrufen:
https://www.vatican.va/content/francesco/de/bulls/documents/20240509_spes-non-confundit_bolla-giubileo2025.html (Institutionelle Website des Heiligen Stuhls)
Foto links: Die Verkündigungsbulle zum Nachlesen am Bildschirm. (Foto: Dominikanerkonvent)
(Foto ganz oben: Max Beck auf unsplash)
Impuls für die 3. Adventswoche
Advent und Chanukka
Ostern und Pfingsten sind eigentlich jüdische Feste, die durch Ereignisse im Leben Jesu und seiner Jünger zusätzlich eine christliche Bedeutung erlangt haben. Bei Weihnachten, dem Geburtsfest Christi, ist das natürlich anders. Doch der Brauch, in jeder Adventswoche eine Kerze mehr am Adventkranz anzuzünden, bis schließlich alle vier brennen, dürfte seine Vorlage in einem jüdischen Brauch haben.
Im Judentum feiert man nämlich im Dezember das Chanukkafest, bei dem man acht Kerzen an einem Chanukka-Leuchter entzündet und zwar jeden Tag eine mehr, bis schließlich acht brennen. Die äußerliche Ähnlichkeit ist groß. Hat sich der lutherische Geistliche Johann Hinrich Wichern, der 1839 in Hamburg den ersten Adventkranz aufhängte, vielleicht von den Chanukka-Leuchtern inspirieren lassen? Vielleicht hat er während seiner Studienzeit in Hamburg, Göttingen und Berlin solche Leuchter gesehen, denn diese werden zum Zeugnis und Bekenntnis in die Fenster und an die Türen der Häuser gestellt. Der Kerzenschein verbreitet sich auch auf den Straßen.
Die katholische Leseordnung der Messen in den zwei Wochen vor Beginn des Advents nimmt jedenfalls auf das Chanukkafest Bezug, ohne es zu erwähnen. Denn man liest aus dem 1. Buch der Makkabäer und dem Buch Daniel Abschnitte, die davon erzählen, dass der König der Seleukiden in Syrien, Antiochos IV. Epiphanes (215-164 v. Chr.), im Dezember 168 die Ausübung der jüdischen Religion (Sabbat, Beschneidung, jüdische Opfer) verbot, während Opfer für Zeus Olympios verbindlich gemacht wurden. An die Umwidmung des Tempels in Jerusalem an Zeus erinnert 1 Makkabäer 1,54: Am fünfzehnten Kislew … ließ der König auf dem Brandopferaltar den unheilvollen Gräuel aufstellen … . Und in Daniel 8,13 fragt man: Wie lange … bleibt der Gräuel der Verwüstung bestehen und werden das Heiligtum und der Ort der Zierde zertreten? (Vgl. Dan 9,27; 11,31; 12,11). Während seines Feldzugs in den Osten, bei dem Antiochos 164 v. Chr. verstarb, gelang es Judas Makkabäus aus der aaronitischen Priesterfamilie der Hasmonäer und seinen Gefolgsleuten, das griechische Heer in Juda zu schlagen und den entweihten Tempel wieder unter jüdische Kontrolle zu bringen. Den für Zeus entweihten Brandopferaltar riss man ab und isolierte die Steine an einen Ort auf dem Tempelberg (1 Makkabäer 4,46), da sie zuvor durch den Kult des wahren Gottes Israels geheiligt worden waren und gemäß Deuteronomium 27,5-6 nicht einfach vernichtet werden durften (Talmud, Traktat Avoda Sara 52b). Die neue Einweihung (hebräisch Chanukka) des Tempels feierte man acht Tage lang und legte fest, das Fest auch in Zukunft acht Tage lang zu begehen (1 Makkaäber 4,52-59).

Während in 1. Makkabäer 4,50 nur steht, sie zündeten die Lichter an dem Leuchter an, sodass der Tempel hell wurde, lehrt der jüdische Traktat Megillat Ta’anit aus dem 1. Jh. n. Chr.: Als die Griechen das Heiligtum betraten, verunreinigten sie das gesamte Öl darin. Nachdem die Hasmonäer die Macht erlangt und die Griechen besiegt hatten, suchten sie im Tempel und fanden nur noch ein einziges, mit dem Siegel des Hohepriesters verschlossenes Ölgefäß, das unversehrt geblieben war. Obwohl nur Olivenöl für einen einzigen Tag zum Anzünden der Lampen vorhanden war, geschah … ein Wunder, dass man damit die Tempellampen acht Tage lang brennen lassen konnte. Im folgenden Jahr beschlossen die Weisen, diese acht Tage zu Feiertagen zu machen.
Da der Tempel für das Leben Jesu, der immer wieder dort lehrte, wichtig ist, stellt Chanukka eine schöne Verbindung zwischen Judentum und Christentum dar. Heuer beginnt das Fest am Abend des 3. Adventsonntags, dem 14. Dezember. Da zündet man eine Kerze an, die man ganz rechts in den achtarmigen Leuchter gesteckt hat. An den folgenden Abenden fügt man jeweils ein Licht links hinzu, zündet zuerst die „neue“ Flamme an und dann – von links nach rechts – die Flammen, die bereits am Abend zuvor gezündet wurden. Zur Dämmerung des 22. Dezember, dem Montag der 4. Adventswoche, werden alle acht Flammen leuchten.
Foto links: Foto aus dem Jahre 2023, als Chanukka in die zweite Adventswoche fiel; der Chanukka-Leuchter steht im Fenster und der Adventkranz beleuchtet das Zimmer.
(Foto: privat)
Pater Hans Ulrich Steymans OP, Studentenmagister der Dominikanerprovinz des Hl. Albert in Deutschland und Österreich
Impuls für die 2. Adventswoche
Gott kommt durch uns zur Welt
Der Bienenkorb, mit dem der heilige Kirchenlehrer Ambrosius oft dargestellt wird, verweist auf seine besondere Gabe: die Geheimnisse des Glaubens in Hymnen so zu verdichten, dass sie süß wie Honig klingen. Luthers berühmtes Adventslied „Nun komm, der Heiden Heiland“ ist die deutsche Übersetzung eines solchen großen ambrosianischen Hymnus, des Veni, redemptor gentium – Komm, Erlöser aller Völker! Die Adventszeit ist die Zeit des großen Erwartens, des Wachens, des wach-seins, bis ER kommt. In seiner Vorsehung hat Gott jedoch beschlossen, dass er in diese Welt nicht ohne diejenigen kommen wird, die er durch sein Kommen an sich ziehen und erlösen möchte. Gott kommt also nicht über unsere Köpfe hinweg, sondern durch uns, sodass wir uns in Bezug auf alle Aspekte unseres Lebens die Frage des 85. Ordensmeisters der Dominikaner, Timothy Kardinal Radcliffe, stellen sollten: Kommt durch mein Leben Christus erneut zur Welt?
„Mir geschehe nach deinem Wort“

In keiner anderen Antwort auf diese Frage lag je so viel Ernst und Bereitschaft zur Kooperation mit dem Plan Gottes wie in Marias fiat, ihrem „Mir geschehe nach deinem Wort.“ Es gibt ganz sicher die Versuchung, mir selbst den Anspruch und das Vorbild ihres fiat vom Leibe zu halten, indem ich etwa sage: Diese Frau war vom Makel des unermüdlichen Um-sich-Gekreises der Menschen bewahrt worden, wie wir es in der zweiten Adventswoche am Fest der Immaculata Conceptio feiern. Ich dagegen bin zu einem fiat unter den Bedingungen meines Lebens gar nicht in der Lage; zu sehr stecke ich im Sumpf meines Lebens fest und kann mich daraus nicht selbst herausziehen. Jedoch war auch Mariens fiat einerseits das Ergebnis einer freien Entscheidung mit all den Zweifeln, die damit verbunden sind. Und vermutlich hat auch sie sich ängstlich gefragt: „Bedeutet mein Mir geschehe nach deinem Wort nicht, mich selbst, meine eigenen Pläne für mein Leben, aufgeben zu müssen und wie ein Tropfen im Ozean der göttlichen Vorsehung und seines Planes aufzugehen?“ Und andererseits war ihr freier Entschluss getragen von göttlicher Hilfe und Gnade; auch in ihrer innersten Freiheit war sie nicht auf sich selbst gestellt, sondern begleitet von Gottes vorwegnehmendem Zuspruch.
Weg der Kooperation
Der Trost besteht wohl darin, zu erkennen, dass Marias fiat nicht bedeutete, dass sie ihr eigenes Glück und ihre Freiheit opfern musste, sondern dass Gott durch ihre Freiheit hindurch zu ihrem Glück und zum Glück der ganzen Schöpfung gewirkt hat. Gottes Pläne überrumpeln den Menschen bisweilen, aber, obwohl Gott es könnte, entäußert er sich der Macht, seinen Plan in uns schlechthin durchzusetzen; sondern er wählt den Weg der Kooperation und des Aufeinander-angewiesen-Seins von Geschöpf und Schöpfer.
Wenn wir also in dieser Adventszeit versuchen, unser eigenes fiat ernster und bereitwilliger zu sprechen, dann in der Erwartung, dass Gott nicht über unsere Freiheit hinweg wirkt, sondern sie zur Erfüllung bringt. Dann können wir vollen Herzens bitten: Komm, Erlöser aller Völker, komm durch mein Leben zur Welt.
frater Xaver M. Propach OP, derzeit im Studentat der Dominikaner in Wien
Das kleine Foto oben zeigt das Ölgemälde „Die unbefleckte Empfängnis“, geschaffen von Francisco de Zurbarán zwischen 1628 und 1630. Das Bild befindet sich im Museo Nacional del Prado in Madrid.
(Foto: Francisco de Zurbarán, Public domain, via Wikimedia Commons)
Impuls für die 1. Adventswoche
O komm, o komm Immanuel! – Der Messias im Buch Jesaja

Das Buch Jesaja ist nach den Psalmen das am häufigsten im Neuen Testament zitierte Buch des Alten Testaments. Von der frühen Kirche an sahen die Christen in der Prophetie des Jesaja eine Vorankündigung dessen, was sich in Jesus realisiert. So wollen auch wir zu Beginn der Adventszeit einen Blick auf das Ziel werfen.
Am 4. Adventssonntag hören wir, nachdem der König Ahas aus falscher Bescheidenheit die Aufforderung Jesajas zurückweist, Gott um ein Zeichen zu bitten:
Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben. (Jes 7,14)
Immanuel bedeutet: Gott mit uns. In Jesus ist Gott nicht nur irgendwie mit uns, sondern er wird ein Mensch, einer von uns. Er ist mit uns in Allem. Er wird uns gleich in Allem, außer der Sünde (vgl. Hebr 4,15). So kommt wunderbar zum Ausdruck, dass Er uns in unserer Schwachheit nicht allein lässt, vielmehr ist er gerade dort mit uns. Jesus erlöst und heilt uns. Er scheut die Berührung mit uns nicht. Besonders nicht in unserer tiefsten Schwäche, Sünde und Finsternis.
Am 24.12. wird jedes Jahr in der Christmette aus dem neunten Kapitel gelesen, indem der Prophet das verheißene Kind noch genauer beschreibt:
Denn ein Kind wurde uns geboren, / ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. / Man rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, / Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. (Jes 9,6)
Christus ist Gottes Kraft und Gottes Weisheit (1. Kor 1, 24). Er weist uns den Weg, ja viel mehr ist er selbst der Weg. Er ist der starke Gott. Im Hebräischen heißt es hier: el-gibbor. Gibbor bedeutet: stark, mächtig oder als Substantiv: Krieger, Held“. Gott kämpft für uns und setzt sich ganz für uns ein. Besonders bemerkenswert ist, dass an dieser Stelle auf einzigartige Weise bereits im Alten Testament der Messias als „Gott“ identifiziert wird. Das ist gerade deswegen herausragend, da sich das Buch Jesaja ebenfalls in aller Deutlichkeit zu einem strikten Monotheismus bekennt (Jes 44). Das Kind ist also der einzig wahre Gott selbst. Als Vater in Ewigkeit nimmt sich Gott seiner Kinder an und bringt als Fürst des Friedens wirklich den Frieden.
Jesus ist der Immanuel. Er ist ganz für uns und ganz mit uns. Er ist die Erfüllung aller Sehnsucht unseres Herzens. Lasst uns IHN in diesem Advent mit Freude erwarten.
Verkündet es jauchzend, lasst dies hören, tragt es hinaus bis ans Ende der Erde! Sagt: Der HERR hat seinen Knecht Jakob ausgelöst. (Jes 48,20)
frater Josef M. Schneider OP, Student im Studentat der Dominikaner in Wien
Das kleine Foto oben zeigt das Gemälde „Prophet Jesaja“ von Antonio Balestra, 1666 – 1740.
(Foto: Antonio Balestra, Public domain, via Wikimedia Commons)