Durch den Advent hin zu Weihnachten

Gott kommt durch uns zur Welt

Der Bienenkorb, mit dem der heilige Kirchenlehrer Ambrosius oft dargestellt wird, verweist auf seine besondere Gabe: die Geheimnisse des Glaubens in Hymnen so zu verdichten, dass sie süß wie Honig klingen. Luthers berühmtes Adventslied „Nun komm, der Heiden Heiland“ ist die deutsche Übersetzung eines solchen großen ambrosianischen Hymnus, des Veni, redemptor gentium – Komm, Erlöser aller Völker! Die Adventszeit ist die Zeit des großen Erwartens, des Wachens, des wach-seins, bis ER kommt. In seiner Vorsehung hat Gott jedoch beschlossen, dass er in diese Welt nicht ohne diejenigen kommen wird, die er durch sein Kommen an sich ziehen und erlösen möchte. Gott kommt also nicht über unsere Köpfe hinweg, sondern durch uns, sodass wir uns in Bezug auf alle Aspekte unseres Lebens die Frage des 85. Ordensmeisters der Dominikaner, Timothy Kardinal Radcliffe, stellen sollten: Kommt durch mein Leben Christus erneut zur Welt?

„Mir geschehe nach deinem Wort“

In keiner anderen Antwort auf diese Frage lag je so viel Ernst und Bereitschaft zur Kooperation mit dem Plan Gottes wie in Marias fiat, ihrem „Mir geschehe nach deinem Wort.“ Es gibt ganz sicher die Versuchung, mir selbst den Anspruch und das Vorbild ihres fiat vom Leibe zu halten, indem ich etwa sage: Diese Frau war vom Makel des unermüdlichen Um-sich-Gekreises der Menschen bewahrt worden, wie wir es in der zweiten Adventswoche am Fest der Immaculata Conceptio feiern. Ich dagegen bin zu einem fiat unter den Bedingungen meines Lebens gar nicht in der Lage; zu sehr stecke ich im Sumpf meines Lebens fest und kann mich daraus nicht selbst herausziehen. Jedoch war auch Mariens fiat einerseits das Ergebnis einer freien Entscheidung mit all den Zweifeln, die damit verbunden sind. Und vermutlich hat auch sie sich ängstlich gefragt: „Bedeutet mein Mir geschehe nach deinem Wort nicht, mich selbst, meine eigenen Pläne für mein Leben, aufgeben zu müssen und wie ein Tropfen im Ozean der göttlichen Vorsehung und seines Planes aufzugehen?“ Und andererseits war ihr freier Entschluss getragen von göttlicher Hilfe und Gnade; auch in ihrer innersten Freiheit war sie nicht auf sich selbst gestellt, sondern begleitet von Gottes vorwegnehmendem Zuspruch.

Weg der Kooperation

Der Trost besteht wohl darin, zu erkennen, dass Marias fiat nicht bedeutete, dass sie ihr eigenes Glück und ihre Freiheit opfern musste, sondern dass Gott durch ihre Freiheit hindurch zu ihrem Glück und zum Glück der ganzen Schöpfung gewirkt hat. Gottes Pläne überrumpeln den Menschen bisweilen, aber, obwohl Gott es könnte, entäußert er sich der Macht, seinen Plan in uns schlechthin durchzusetzen; sondern er wählt den Weg der Kooperation und des Aufeinander-angewiesen-Seins von Geschöpf und Schöpfer.

Wenn wir also in dieser Adventszeit versuchen, unser eigenes fiat ernster und bereitwilliger zu sprechen, dann in der Erwartung, dass Gott nicht über unsere Freiheit hinweg wirkt, sondern sie zur Erfüllung bringt. Dann können wir vollen Herzens bitten: Komm, Erlöser aller Völker, komm durch mein Leben zur Welt.

frater Xaver M. Propach OP, derzeit im Studentat der Dominikaner in Wien

(Das kleine Foto oben zeigt das Ölgemälde „Die unbefleckte Empfängnis“, geschaffen von Francisco de Zurbarán zwischen 1628 und 1630. Das Bild befindet sich im Museo Nacional del Prado in Madrid.
Foto: Francisco de Zurbarán, Public domain, via Wikimedia Commons)


O komm, o komm Immanuel! – Der Messias im Buch Jesaja

Das Buch Jesaja ist nach den Psalmen das am häufigsten im Neuen Testament zitierte Buch des Alten Testaments. Von der frühen Kirche an sahen die Christen in der Prophetie des Jesaja eine Vorankündigung dessen, was sich in Jesus realisiert. So wollen auch wir zu Beginn der Adventszeit einen Blick auf das Ziel werfen.

Am 4. Adventssonntag hören wir, nachdem der König Ahas aus falscher Bescheidenheit die Aufforderung Jesajas zurückweist, Gott um ein Zeichen zu bitten:

Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben. (Jes 7,14)

Immanuel bedeutet: Gott mit uns. In Jesus ist Gott nicht nur irgendwie mit uns, sondern er wird ein Mensch, einer von uns. Er ist mit uns in Allem. Er wird uns gleich in Allem, außer der Sünde (vgl. Hebr 4,15). So kommt wunderbar zum Ausdruck, dass Er uns in unserer Schwachheit nicht allein lässt, vielmehr ist er gerade dort mit uns. Jesus erlöst und heilt uns. Er scheut die Berührung mit uns nicht. Besonders nicht in unserer tiefsten Schwäche, Sünde und Finsternis.

Am 24.12. wird jedes Jahr in der Christmette aus dem neunten Kapitel gelesen, indem der Prophet das verheißene Kind noch genauer beschreibt:

Denn ein Kind wurde uns geboren, / ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. / Man rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, / Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. (Jes 9,6)

Christus ist Gottes Kraft und Gottes Weisheit (1. Kor 1, 24). Er weist uns den Weg, ja viel mehr ist er selbst der Weg. Er ist der starke Gott. Im Hebräischen heißt es hier: el-gibbor. Gibbor bedeutet: stark, mächtig oder als Substantiv: Krieger, Held“. Gott kämpft für uns und setzt sich ganz für uns ein. Besonders bemerkenswert ist, dass an dieser Stelle auf einzigartige Weise bereits im Alten Testament der Messias als „Gott“ identifiziert wird. Das ist gerade deswegen herausragend, da sich das Buch Jesaja ebenfalls in aller Deutlichkeit zu einem strikten Monotheismus bekennt (Jes 44). Das Kind ist also der einzig wahre Gott selbst. Als Vater in Ewigkeit nimmt sich Gott seiner Kinder an und bringt als Fürst des Friedens wirklich den Frieden.

Jesus ist der Immanuel. Er ist ganz für uns und ganz mit uns. Er ist die Erfüllung aller Sehnsucht unseres Herzens. Lasst uns IHN in diesem Advent mit Freude erwarten.

Verkündet es jauchzend, lasst dies hören, tragt es hinaus bis ans Ende der Erde!  Sagt: Der HERR hat seinen Knecht Jakob ausgelöst. (Jes 48,20)

frater Josef M. Schneider OP, Student im Studentat der Dominikaner in Wien

(Das kleine Foto oben zeigt das Gemälde „Prophet Jesaja“ von Antonio Balestra, 1666 – 1740.
Foto: Antonio Balestra, Public domain, via Wikimedia Commons)